Das Problem
Man kann heute leicht den Eindruck gewinnen, Philosophie habe nicht mehr viel zu sagen.
Sie spielt keine Rolle auf der öffentlichen Bühne, und trägt
tatsächlich nicht mehr viel zum öffentlichen Diskurs, auch in
Feuilletons, bei. Es gibt löbliche Versuche, dies zu ändern. Kürzlich
sind beispielsweise
zwei neue deutschsprachige Philosophie-Magazine erschienen. Dann gibt es Sendungen wie das
Philosophische Quartett und so lobenswerte Mittler wie Sloterdijk und Safranski, die das Abenteuer Philosophie erlebbar machen.
Die Ursachen
Dass das aber alles nicht recht reicht, hat verschiedene Gründe:
Philosophie ist eine von vielen Disziplinen an den Universitäten. Im
Rennen um Drittmittel schneidet sie im Allgemeinen nicht besonders gut
ab. Sie liefert nicht unbedingt unmittelbar verwertbare Erkenntnisse,
ihr Resultat kann zu Beginn von Untersuchungen, wenn sie wirklich
philosophisch sind, nicht eingegrenzt werden. Ihr auf die Dauer von
Menschenleben angelegter Erkenntnisprozess, an dessen Ende und in dessen
Verlauf nicht immer der Erfolg steht, passen nicht zur Schnelllebigkeit
und Erfolgsorientiertheit der heutigen Zeit. Genausowenig wie ihre
Forderung zur gründlichen, schrittweisen und mühsamen Durchdringung der
Welt entlang verschiedener Grundmotive – Die Entkontextualisierung von
Wissen bis hin zur Verstümmelung zur bloßen Informationen (welche dann
mit “Wissen” verwechselt wird) steht ihr entgegen. Schließlich meinen
auch die Philosophen selbst, nicht mehr viel zu sagen zu haben.
Philosophie sei nur noch eine Hilfswissenschaft (wenn auch zweiter
Ordnung, und dabei allen anderen Wissenschaften erster Ordnung
vorgelagert), oder wäre nur noch Fragment, wie die Frankfurter Schule um
Adorno betont.
Etwas zur Welt insgesamt zu sagen zu haben (diesen Anspruch sollte
Philosophie meiner Meinung nach wie vor haben), wird meist mit den
großen Systematikern assoziiert, die gescheitert sind: Beispiele
jüngeren Datums sind Hegel oder Marx. Daraus wird voreilig der Schluss
gezogen, Philosophie könne keinen universalen Anspruch mehr haben.
Die Gegenstimme
Dass es noch eine Variante zu den Systematikern gibt – und damit der
Anspruch der Philosophie gerettet werden kann, zeigt eindrücklich der
große italienische Renaissancephilosoph Pico della Mirandola. In seinem
universalen Entwurf “De hominis dignitate”, “Von der Würde des
Menschen”, skizziert er eindrücklich, dass alle philosophischen
Denkschulen mit allen Weltreligionen harmonisierbar oder vereinbar sind –
und mit unterschiedlichen Worten und Bildern das selbe sagten. Dabei
folgt er Pythagoras, der Philosophie als Stifterin universaler
Freundschaft begriff – und begeht nicht den Fehler, eine analytische
Sprache anzuwenden, die zerstückhakt und dabei die großen Linien und den
Universalgedanken aus den Augen verliert. Stattdessen schreibt er
literarisch – und nicht ohne den wissenschaftlichen Anspruch der
Klarheit. Ein Probiererchen:
Die chaldäischen Erklärer schreiben, Zarathustra habe oft
gesagt, die Seele habe Flügel, und wenn diesen die Federn ausfielen, so
stürze sie jählings in einen Körper, und wüchsen sie dann wieder nach,
fliege sie zu den Himmlischen zurück.
(Pico della Mirandola, De hominis dignitate, Reclam Verlag 2005, S. 35)
Und noch etwas: Innerhalb von Picos Gedankengebäude wird offenbar,
dass wir ursprünglich nicht zur materiellen Welt gehören, weil wir
wesentlich eine geistig-seelische Substanz sind, deren Kern wiederum
unsterblich ist. Ein tröstender Gedanke.