“Schönheit wird essbar sein oder gar nicht sein” Dahlì
Cuius regio, eius religio
Jena-Paradies. Am Zug vorbei erstreckt sich ein ellenlanger
Bahnsteig, der nicht enden will und fühlen. Seitlich stacken
Absperrungen aus Brettern in die Höhe, an denen entlang sich Pflanzen
winden, vor denen Bäume harren. Als der Zug ausgefahren ist, herrscht
Stille.
Die aufstrebenden Augen lokalisieren ihren Halter in einem Tal, dessen
Rücken plattgedrückt sich zum Zentrum hin in die Ferne öffnet. Und in
der Konsequenz der Bezeichnung dieses Orts formiert sich ein Begriff
heraus, der dem zugehörigen Mund weiter südlich ein Lächeln auf die
Lippen trägt: Provinz. Trotz eigenem Landkreis. Trotz ICE-Bahnhofs,
trotz verzerrten Minen und High Heels, trotz zweispurigen Straßen und
beampelten Fußgängerübergängen.
In der Ferne, noch hinter der Altstadt, torkelt der Intershoptower,
Zeichen von Urbanität, einer der zahlreichen Grabsteine der New Economy
benannten Epoche aus Geldsalat und Kaviar. Lächerlich überagt er die
paar um ihn herumkriechenden Häuschen. Geht unter im silbern glänzenden
Geltungsbedürfnis, im aufgesetzten Ernst glasige Schwielen bildend,
hinter seiner hellen Glasfassade ängstlich hingebückt, vor seiner
Mutter, der Reduflexion.
Tief unten derweil drängen sich keine Menschenleins eng durch die
Gassen. Dem alten Museum in DDR-Zweckbaustatur folgt eine Bäckerei, die
örtliche Sparkasse mit Marmorverkleidung und ein Internetcafe mit
LCD-Bildschirmen, das sich weltOffen nennt. Davor plauschen Omas. Der
schmale Weg wird geschnitten von einer vorbeirauschenden Straße, und
geht dahinter über in einen größeren von Modernitätsanspruch
beausspruchten Platz. Die den Mund und dessen Augen, nein andersrum
plädiert die Nase an das stolze taube Ohr, jedenfalls sagt der Hals, von
sich getragenen, über einen Körper den Beinen aufsitzenden, und all
dieses aushaltenden Füße drehen schließlich nach links ab und folgen
jetzisabergut dem Neuen. Vorbei an renovierten Fassaden, auf
eigesichtige Gesichter zu, patroulliert von Schildern, die unter anderem
diplom-psychologisch, prost, Frau Gudrun Biersack und die “Neue Mitte”
bewerben.
Krausgelockt findet der mittlerweile von Organkämpfen innerlich
Zerfressene ein paar Gehminuten vom vorigen Satz entfernt in der
Goethe-Galerie eine Bleibe, einen vollklimatisierten Gebetsmühlentempel
des Konsumgottes. Vor dem Stuhl der gravierenden Masse aus Fleisch, Blut
und Geistgefäß steht ein selbiger, neben dem ein weiterer steht und so
fort, dahinter der eingangs aus ausgang festgelgte mit dem Schuheträger
darauf, wie auch links und rechts davon. Sie stehen da geduldig
kahlgekörpert vor einer kunstgrasgepflasterten Bühne, die sich in die
Mitte des Raumes zwängt, beidseitig begrenzt vom Menschenstrom aus
Einkaufstüten und Parfüm.
Irgendwann dringt aus der zurechtgeprobten Soundanlage ein
Stimmenrauschen, das überdeutlich zu Worten sich herauskristallisiert,
als er ihm den Filter seines aus der Tiefe des Hallenreizekörpers
herauftauchenden Bewusstseins entgegenhält.
Durch ihre die weiter vorn befindlichen bunten undeutlichen
Pfützenflecken anvisierenden Augen dringen ihr der Prozess der
Schärferwerdung ausgesetzt Seienden 3 Persöhnchen maskuliner Genalität
entgegen. Links ganz in braunem Cord ein Jenaer Theaterregisseur mit
Hornbrille auf der großen krummen Nase vor den
allzuenganeinanderliegendenaufeinanderdraufgequetschten-himmelhilfpupillen.
Der bewegt die ganze Zeit so blöd nervös seinen Kopf zum Publikum. Dann
in der Mitte ein fetter Rübezahlrasierter gesinnungsgrüner Grasklops
mit hinkelsteindimensioniertem unnatürlich weit nach vorne geschobenem
und also Wirklichkeit und Anspruch symbolisierenden Kinn wie ichdenke ,
schließlich rechts flankiert vom Professor Schmidt oder so, der ist von
großer naturbreiter Statur, und einem seeligseienden Lächeln, das er
immer wiedermal dem Gelump an seiner Seite gnädig gut entgegenwirft.
Wo waren wir stehen geblieben,.. Es ging um Schiller. 200 Jahre tot und
dennoch lebend, skandieren Spruchbändchen vom hohen Hallenhimmel herab.
Andere singen in klarem mehrheitsdemokratischen Verständnis von der
stärkeren Gewichtung der richtigen, nicht unbedingt öfter vertretenen
Meinungen.
Dann reißt mich eine Stimme von erstaunlicher Klarheit unerwartet dem
bislang rein geographischen Mittelpunkt des Raumes entzu, gefolgt von
einem aufrichtigen Staunen. Rübezahl spricht, und alle hören hin, und
jeder scheint es zu verstehen. Begrüßung, Frage mitte, Antwort rechts,
Frage mitte, Antwort links, Frage mitte, Antwort rechts, Frage mitte,
Antwort links, Frage mitte, Antwort links, Frage links, Antwort links,
Antwort rechts. Der Rübezahl kurz irritiert, stellt sinngerecht eine
Frage mitte antwort rechts und klopft sich fragend mitte antwort links
auf die eigne Schulter. jahaaa, gut gemacht gut gut.
Nach einer halben Stunde allgemeiner Abendsendungssülze erhebt sich der
helle Kopf zur rechten ruhig und drängt die beiden links von sich
dezent, man ist an dieser Stelle fast vesucht, dieses Wort französisch
auszusprechen, zur Seite. Hört sich deren wichtigweichen
Abschiedsmonolog an und entschwindet ruhigen Rauscheschrittes durch die
Massen, sie kopfhoch überragend, in langem beigen Mantel.
Was er nicht weiß, denke ich noch, er hat da was von mir dabei mit
insichwegundmitgenommen, schreibt er nicht, denkt sie von sich, dann
seid ihr nämlich alle nichts, nichts von klein mit groß; und schwerelos.