Mittwoch, 10. August 2005

Ode an einen Freund, der das Ja im Namen trägt

Aus dem vagen einer Vision

schälte sich schon


noch eh sie erkennbar war klar


ein sanfter Klang heraus 


sonorer Stimmungsgesang

dem Strandland 


entlang sangest Du an


Berlin ist Treibsand

Dienstag, 9. August 2005

Dämmerung

Der Morgen steigt nicht von unten am Horizont hinauf. 

Er nimmt gleich einen sauberen Sprung
auf seine Schultern. 


Von dort durchbricht er den Himmel
mit seinen flammenden Sonnenhänden,
und an den Wolkenbändern entlang flackert ihr Feuerblut.


Über das Land ergießt sich sein gleißender Schatten.
Güte der Früh, du große Schmerzgeborene
zeigst deine verklärenste Seite
im Pathos der Größe


jedem Anfang erhaben.

Freitag, 15. Juli 2005

Ideal IKEA

Vorhin vorm IKEA: Parkt ein schwarzer 5er BMW, aufgetunt und dumpf brummend direkt am Eingang. Auf der Fahrerseite steigt jemand aus, den man als klischeegemäßem BMW-Fahrer bezeichnen kann: Sonnenbrille, monochrom gekleidet, kaugummikauend und wahrscheinlich in der Midlifecrisis. Auf der Beifahrerseite der unerwartete Gegensatz: Ein Mann, vielleicht Mitte zwanzig, von natürlicher Bräune, hoch aufgeschossen, sehnig, mit schmaler Taille und breitem Kreuz. Vielleicht passt das Adjektiv "würdevoll". Beim Aussteigen beginnt er zu straucheln, fällt fast hin, braucht ein paar Ausfallschritte, um wieder sicher dazustehen. Von seinem T-Shirt schaut Che Guevara in die Ferne. Wahrscheinlich gehen sie jetzt einkaufen mit der Shopping Card, die mit der Kreditfunktion.

Mittwoch, 13. Juli 2005

Hommage

Am Hackeschen Markt stehen drei Sombreros und machen Musik. Davor tanzen welche, immer wieder unterbrochen von el Matadore, dem Löwenbändiger. Er steht wankend auf einem Fischverkäufertischchen, denn nebenan ist Markt, wie jeden Samstag. Und ruft, dass er Schweizer sei. Chili für alle, Bier für alle, und das alles für nix. Seine Stimme überschlägt sich, an den Mundwinkel klebt Speichel. Neugierige kreisen das Geschehen ein, die Touristen mit ihren Kameras in der Hand, auch ich.
Nach ein paar Minuten fordert der Matador die Versammelten auf, ihm zu folgen. Rufend bahnt er sich seinen Weg durch die Masse. Bier unlimited, Chili unlimited, Spaß unlimited. Die Sombreros gehen ihm nach. Angeblich zu einem neu eröffneten Swatch-Store. Ich ziehe die S-Bahn vor. Dort ist es angenehm still, wie so oft, ganz im Gegensatz zu den U-Bahnen. Melancholisch klacken die Räder im Takt. Auf einmal sagt einer laut: Diese Deutschen sind wie Schafe.
Es ist viertel nach drei.

Mittwoch, 8. Juni 2005

Das Lesen spüren

Meine wehenden Blicke
in die Schluchten des Buches vor mir
lassen die Worte sanft rascheln.

Einheit der Kunst.

In mir, vor mir, zwischen Ich und Ihm.
Der Zyklop sagt:
Metaphysik als erlebtes Geschick.

Freitag, 27. Mai 2005

Dada, die Mütter und ein Manifest

Der Dadaismus hat eins, genauso wie der Futurismus, und der Kommunismus sowieso. Ein Manifest. Von Marx und Engels initiiert, folgte eine ganze Welle weiterer orientierungsschaffender Leuchttürme. Das Bauhaus bekam seinen eigenen, und auch die Mütter.
Heutzutage jedoch sind Manifeste wieder etwas aus der Mode gekommen. Wenn noch etwas schwimmt, dann vor allem öffentliche “Stellungnahmen” in Politik und Wirtschaft. All die glorreichen Schiffbrüchigen plädieren gemeinsam: Nur nicht festlegen. Wenn es ein Charakteristikum unserer Zeit gibt, dann ist es das der Ges(ch)ichtslosigkeit.

Eine verantwortungsvolle Kunst mit dem Anspruch, ihrer Zeit Herr und damit voraus zu sein, steuert folgerichtig gegen. So übten ein paar Schriftsteller neuerdings den Sündenfall: Sie schlossen sich zusammen, um ein Manifest zu schreiben. Als Antwort auf die Frage, was der Roman denn soll. Hinten raus tönte programmatisch der “relevante Realismus”, welcher im Text so inhaltsleer beschrieben wird wie er klingt.

Auffällig ist: Selbst hier schwimmen die Formulierungen. Selbst hier fehlt das Richtungsbekenntnis – bezeichnenderweise bleibt es bei der bloßen Forderung danach.
Dass die hämischen Kommentare auf den Fuß folgen, ist nur allzu konsequent. Klare Worte fallen: Vom fehlenden Wir-Gefühl wird da gesprochen, vom Verhältnis Gott-Individuum (und dazwischen nichts), vom Anti-Wir, bis hin zur rein deskriptiven Existenz des Romans.
Paradoxerweise konstituiert sich so – reichlich reaktionär – auf den ursprünglichen Anspruch, ein Manifest geschrieben zu haben, tatsächlich eine Art Manifest. Jeder trägt seinen Teil dazu bei. Scharfe Zungen würden ironisch vom relevanten Relativismus sprechen. Der Schriftsteller Uwe Tellkamp hingegen gibt sich pragmatisch: Es käme lediglich darauf an, gute Bücher zu schreiben und schlechte zu vermeiden. Der Rest sei irrelevant.

Na wenn er da mal nicht relativiert wird.

Mittwoch, 25. Mai 2005

Jena-Paradies

“Schönheit wird essbar sein oder gar nicht sein” Dahlì

Cuius regio, eius religio

Jena-Paradies. Am Zug vorbei erstreckt sich ein ellenlanger Bahnsteig, der nicht enden will und fühlen. Seitlich stacken Absperrungen aus Brettern in die Höhe, an denen entlang sich Pflanzen winden, vor denen Bäume harren. Als der Zug ausgefahren ist, herrscht Stille.
Die aufstrebenden Augen lokalisieren ihren Halter in einem Tal, dessen Rücken plattgedrückt sich zum Zentrum hin in die Ferne öffnet. Und in der Konsequenz der Bezeichnung dieses Orts formiert sich ein Begriff heraus, der dem zugehörigen Mund weiter südlich ein Lächeln auf die Lippen trägt: Provinz. Trotz eigenem Landkreis. Trotz ICE-Bahnhofs, trotz verzerrten Minen und High Heels, trotz zweispurigen Straßen und beampelten Fußgängerübergängen.
In der Ferne, noch hinter der Altstadt, torkelt der Intershoptower, Zeichen von Urbanität, einer der zahlreichen Grabsteine der New Economy benannten Epoche aus Geldsalat und Kaviar. Lächerlich überagt er die paar um ihn herumkriechenden Häuschen. Geht unter im silbern glänzenden Geltungsbedürfnis, im aufgesetzten Ernst glasige Schwielen bildend, hinter seiner hellen Glasfassade ängstlich hingebückt, vor seiner Mutter, der Reduflexion.
Tief unten derweil drängen sich keine Menschenleins eng durch die Gassen. Dem alten Museum in DDR-Zweckbaustatur folgt eine Bäckerei, die örtliche Sparkasse mit Marmorverkleidung und ein Internetcafe mit LCD-Bildschirmen, das sich weltOffen nennt. Davor plauschen Omas. Der schmale Weg wird geschnitten von einer vorbeirauschenden Straße, und geht dahinter über in einen größeren von Modernitätsanspruch beausspruchten Platz. Die den Mund und dessen Augen, nein andersrum plädiert die Nase an das stolze taube Ohr, jedenfalls sagt der Hals, von sich getragenen, über einen Körper den Beinen aufsitzenden, und all dieses aushaltenden Füße drehen schließlich nach links ab und folgen jetzisabergut dem Neuen. Vorbei an renovierten Fassaden, auf eigesichtige Gesichter zu, patroulliert von Schildern, die unter anderem diplom-psychologisch, prost, Frau Gudrun Biersack und die “Neue Mitte” bewerben.
Krausgelockt findet der mittlerweile von Organkämpfen innerlich Zerfressene ein paar Gehminuten vom vorigen Satz entfernt in der Goethe-Galerie eine Bleibe, einen vollklimatisierten Gebetsmühlentempel des Konsumgottes. Vor dem Stuhl der gravierenden Masse aus Fleisch, Blut und Geistgefäß steht ein selbiger, neben dem ein weiterer steht und so fort, dahinter der eingangs aus ausgang festgelgte mit dem Schuheträger darauf, wie auch links und rechts davon. Sie stehen da geduldig kahlgekörpert vor einer kunstgrasgepflasterten Bühne, die sich in die Mitte des Raumes zwängt, beidseitig begrenzt vom Menschenstrom aus Einkaufstüten und Parfüm.
Irgendwann dringt aus der zurechtgeprobten Soundanlage ein Stimmenrauschen, das überdeutlich zu Worten sich herauskristallisiert, als er ihm den Filter seines aus der Tiefe des Hallenreizekörpers herauftauchenden Bewusstseins entgegenhält.
Durch ihre die weiter vorn befindlichen bunten undeutlichen Pfützenflecken anvisierenden Augen dringen ihr der Prozess der Schärferwerdung ausgesetzt Seienden 3 Persöhnchen maskuliner Genalität entgegen. Links ganz in braunem Cord ein Jenaer Theaterregisseur mit Hornbrille auf der großen krummen Nase vor den allzuenganeinanderliegendenaufeinanderdraufgequetschten-himmelhilfpupillen. Der bewegt die ganze Zeit so blöd nervös seinen Kopf zum Publikum. Dann in der Mitte ein fetter Rübezahlrasierter gesinnungsgrüner Grasklops mit hinkelsteindimensioniertem unnatürlich weit nach vorne geschobenem und also Wirklichkeit und Anspruch symbolisierenden Kinn wie ichdenke , schließlich rechts flankiert vom Professor Schmidt oder so, der ist von großer naturbreiter Statur, und einem seeligseienden Lächeln, das er immer wiedermal dem Gelump an seiner Seite gnädig gut entgegenwirft.
Wo waren wir stehen geblieben,.. Es ging um Schiller. 200 Jahre tot und dennoch lebend, skandieren Spruchbändchen vom hohen Hallenhimmel herab. Andere singen in klarem mehrheitsdemokratischen Verständnis von der stärkeren Gewichtung der richtigen, nicht unbedingt öfter vertretenen Meinungen.
Dann reißt mich eine Stimme von erstaunlicher Klarheit unerwartet dem bislang rein geographischen Mittelpunkt des Raumes entzu, gefolgt von einem aufrichtigen Staunen. Rübezahl spricht, und alle hören hin, und jeder scheint es zu verstehen. Begrüßung, Frage mitte, Antwort rechts, Frage mitte, Antwort links, Frage mitte, Antwort rechts, Frage mitte, Antwort links, Frage mitte, Antwort links, Frage links, Antwort links, Antwort rechts. Der Rübezahl kurz irritiert, stellt sinngerecht eine Frage mitte antwort rechts und klopft sich fragend mitte antwort links auf die eigne Schulter. jahaaa, gut gemacht gut gut.
Nach einer halben Stunde allgemeiner Abendsendungssülze erhebt sich der helle Kopf zur rechten ruhig und drängt die beiden links von sich dezent, man ist an dieser Stelle fast vesucht, dieses Wort französisch auszusprechen, zur Seite. Hört sich deren wichtigweichen Abschiedsmonolog an und entschwindet ruhigen Rauscheschrittes durch die Massen, sie kopfhoch überragend, in langem beigen Mantel.
Was er nicht weiß, denke ich noch, er hat da was von mir dabei mit insichwegundmitgenommen, schreibt er nicht, denkt sie von sich, dann seid ihr nämlich alle nichts, nichts von klein mit groß; und schwerelos.